Idil Biret's Karriere in Ost-Deutschland
(vormals DDR) - 1979/1990

Fotografie oben:
Idil im Leipziger Gewandhaus 1985 vor Beginn des 2. Bartok Konzertes unter Thedor Guschlbauer
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Idil Biret war Anfang der 90er Jahre im Begriff, ihre 5. Konzertreise durch die DDR vorzubereiten mit Konzerten in Berlin, Dresden, Leipzig, Halle und anderen Städten, als Unruhen aufkamen, die letztendlich zum Fall der Berliner Mauer führten und damit zur Freiheit Osteuropas und der Wiedervereinigung von Deutschland -  einem Meilenstein in der Geschichte Europas.
Eine merkwürdige Konsequenz dieses glücklichen Ereignisses war jedoch das Ende einer Reihe von viel umjubelten Konzerten, die Idil Biret in den 80er Jahren in ostdeutschen Städten mit einigen der weltbesten Klangkörpern gab wie dem Gewandhausorchester, der Dresdner Staatskapelle und dem Radio Symphonieorchester Berlin und die in so berühmten Konzertstätten stattfanden wie der Semperoper in Dresden und dem Schauspielhaus in Berlin.
Dies ist eine kurze Geschichte über Biret's Karriere in der DDR.
 
Emil Gilels war 1959 zu Gast im Pariser Haus von Nadia Boulanger als Idil Biret für die Gäste Schumann's Fantasie op. 17 vortrug. Gilels, sichtlich beeindruckt von ihrem Spiel, sprach anschließend mit Idil und fragte sie, ob sie nicht auch in der Sowjetunion Konzerte geben wolle. Sie sagte mit großer Begeisterung zu. Kurze Zeit danach erhielt sie eine Einladung von Goskonzert, der staatlichen Konzertagentur, über acht Konzerte in der Sowjetunion im Jahr 1960.
Aufgrund der überschwänglichen Begeisterung des Publikums beim Eröffnungskonzert dieser Tour im Großen Tschaikowsky Saal, Moskau (das Publikum wartete draußen am Künstlereingang, stoppte das fahrende Auto und hob es in die Luft), verdoppelte Goskonzert die Konzerttournee auf 16 Konzerte und Idil Biret stand am Beginn einer glänzenden Karriere in der Sowjetunion und den Ländern Osteuropas.
Über die Jahre besuchte Idil Biret die Sowjetunion häufig und gab dort mehr als einhundert Konzerte. Ihr dortiger Erfolg führte zu Einladungen aus ganz Osteuropa und sie gab in den 60er und 70er Jahren unzählige Konzerte in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien.
Interessanterweise spielte sie vor 1979 nicht in Ostdeutschland, bis sie zum Osterberliner Festival eingeladen wurde. Ihr Recital am 9.10.1979 (Schubert Sonate in f-moll, Liszt Sonate, Ravel Gaspard de la Nuit, Rachmaninov 6 Moments Musicaux) führte zu einer explosionsartigen Begeisterung mit  lobenden Presseartikeln und Schlagzeilen wie

Sächsisches Tageblatt "Überraschung mit türkischer Pianistin Idil Biret"
Nationalzeitung "Mit furiosem Elan, Gastspiel der türkischen Pianistin Idil Biret"

Neues Deutschland "Faszinierende Konzerte mit virtuosen Solisten"
Berliner Zeitung "Idil Biret mit begeisterndem Klavierabend"
Berliner Zeitung am Abend "Eine Tarantella als virtuoser Ausklang"
Neue Zeit "Impulsivität und sprühende Farbigkeit"

In einem Artikel der «Neue Zeit» schrieb der Kritiker Eckart Schwinger

"Nur eine Stunde nach Igor Oistrachs Violinabend begegnete uns im Apollo-Saal erstmals die türkische Klaviervirtuosin Idil Biret, die hervorragende Lehrmeister, Musizierpartner und Auszeichnungen aufzuweisen hat. Das Programm umfasste ausschließlich Klavierwerke stärksten Kalibers. Werke, die technisch, gestalterisch und geistig äußerstes fordern, von der türkischen Klavierspielerin aber ganz und gar mühelos, ohne irgendwelche Verschleißerscheinungen hingesetzt wurden. Allein die Sicherheit und Steigerungskraft sind staunenswert. Idil Biret erwies sich dabei nicht als ein ausgesprochen lyrisches Klaviernaturell dem besondere Klangsinnlichkeit eignete, nicht gerade als eine Pianistin glückhafter Aufschwünge und klanglicher Überredungskünste, sondern als eine außerordentlich energievolle Virtuosin, die extreme Schwierigkeiten, extreme Tempi gelassen meistert, ohne sich und das Publikum ins Schwitzen zu bringen, die durch eiserne Disziplin und Perfektion, durch eine geradezu glasklare Klanggebung aufhorchen lässt. Dessen ungeachtet: eine nicht alltägliche Begegnung."

Unverzüglich wurde Idil Biret von Herrn Ulbricht, dem Direktor der Staatlichen Konzertagentur in Berlin, zu einer DDR-Tour im Jahre 1981 eingeladen, die Auftritte (Solorecitals und Konzerte) in Dresden, Magdeburg, Zwickau und anderen Städten umfassten (Klavierkonzert Nr. 1 von Liszt und Nr. 3 von Rachmaninov).
Der weitere Erfolg dieser Konzerte veranlassten Herrn Ulbricht, eine weitere Tour für Biret im Jahr 1982 zu organisieren, diesmal auch zusammen mit einem der ersten Orchester der DDR und weltbesten Klangkörpern überhaupt, der Staatskapelle Dresden, mit dem sie das 2. Beethovenkonzert spielte.

Die nächste Tour im Jahre 1985 gehörte zu den besten, die in der DDR für einen Künstler überhaupt organisiert werden konnte. Sie enthielt Konzerte mit dem Gewandhausorchester Leipzig (2. Bartok-Konzert - siehe bitte "Idil Biret music archives" für den kompletten Mitschnitt), mit der Dresdner Staatskapelle (Rachmaninov, Rhapsodie über ein Thema von Paganini), dem Radio Symphonieorchester Berlin (Rachmaninov Rhapsodie, ebenfalls kompletter Mitschnitt im Online-Archiv) und Recitals im Schauspielhaus Berlin, der wiedereröffneten Semperoper in Dresden und in der Händel-Stadt Halle.

Der Empfang, den sie während dieser Tournee erhielt, war überwältigend. Der Verfasser dieses Artikels war beim Berlin-Konzert zugegen, wo Biret nach nur 45 Minuten Probe zusammen mit dem Radio Symphonieorchester Berlin im restlos ausverkauften Schauspielhaus die Paganini Rhapsodie von Rachmaninov aufführte. Die Qualität des orchestralen Spiels und das präzise Dirigat von Heinz Rögner waren mustergültig und führten zu einer überraschend bildschönen wie spannungsgeladenen Aufführung mit Biret.
Dasselbe war auch zutreffend für die Konzerte mit dem Leipziger Gewandhaus und der Staatskapelle Dresden und kann über einige Mitschnitte mittels der im Idil Biret Musikarchiv zur Verfügung gestellten Aufnahmen miterlebt werden.

Mit Ausnahme der Berliner Philharmoniker konnte zu dieser Zeit kein westdeutsches Orchester solche Perfektion erreichen, die von diesen DDR Klangkörpern zusammen mit den in der westlichen Welt fast unbekannten aber bedeutenden Dirigenten zelebriert wurde. Idil Biret genoß dieses Zusammenspiel und bot inspirierende Aufführungen sowohl mit Orchesterbegleitung als auch in Solo-Recitals.

Nach einem Recital in der Semperoper titelte die Sächsische Zeitung "Türkische Pianistin in Dresden begeistert gefeiert", und erläuterte "Idil Biret bezauberte mit ihrer Perfektion und virtuosen Gestaltungskraft. Begeistert wurde sie gefeiert. Prokofjews Toccata war der Dank für den stürmisch gespendeten Beifall".
Nach der Aufführung vom 2. Bartok Konzert schrieb die Leipziger Volkszeitung "Theodor Guschlbauer und Idil Biret lösten im 7. Gewandhauskonzert starken Beifall aus. Vitalität, Souveränität und Überzeugungskraft der türkischen Künstlerin faszinierten an beiden Abenden und weckten Beifallsstürme."
Ähnliche Berichte erschienen in der gesamten DDR Presse.

Die Staatliche Konzertagentur der DDR schrieb im Jahr 1988 an Biret und schlug vor, eine weitere Tour Anfang 1990 zu organisieren. Über 10 Auftritte waren geplant und es wurde erwartet, dadurch wiederholt eine Reihe von unübertrefflichen Recitals wie Konzerten mit den großen Orchestern hervorzurufen.
Aber dann begann eine Reihe von uns wohl bekannten Ereignissen. Ostdeutsche passierten zuerst die Grenze anderer osteuropäischer Länder gen Westen. Demonstrationen erfassten die gesamte DDR und Berlin begann die Kontrolle zu verlieren, was letztendlich zum Fall der Mauer und zu der Wiedervereinigung Deutschlands führte. Diese Entwicklungen spiegelten sich nahezu in allen Nachrichten wieder, die Herr Ulbricht von der Konzertagentur fast täglich schickte.
Er begann, die Konzerte der Tour zu stornieren. Das Leipziger Gewandhaus ging, dann gefolgt von der Staatskapelle Dresden und weiteren bis hin zu den Konzerten in Berlin. Ein Orchester nach dem nächsten entzog sich dem Einfluß der Staatsagentur. Schließlich, es waren nur noch 5 Konzerte in kleineren Städten verblieben, schrieb Biret an Herrn Ulbricht, um sich für die vielen Jahren des unermüdlichen Einsatzes und der Unterstützung zu bedanken und schlug vor, die restlichen Konzerte zu annullieren, was auch umgehend bestätigt wurde.

So kam es zu einem Ende der ungewöhnlichen Karriere von Idil Biret im heutigen Osten Deutschlands. Der Fall der Berliner Mauer, ein höchst glückliches Ereignis für die Menschheit, hatte sehr nachteilige Folgen für Biret.
Von 1990 an drängten sich die westlichen Konzertagenturen, die großen Plattenlabel, deren Vertragssolisten und -dirigenten in den ostdeutschen Klassikmarkt und bestimmen seitdem, wie bereits vorher in anderen Teilen Deutschlands und der Welt, alle künstlerischen Aktivitäten. Nichts war mehr wie zuvor und Biret wurde seither nicht mehr eingeladen, in (ost-) deutschen Städten aufzutreten.

Dies wäre zwar bemerkenswert, insbesondere unter Berücksichtigung ihres in diesen Städten erworbenen Rufes, aber es sieht doch ganz anders aus, wenn einem bekannt ist, welche Kräfte am Werk sind, um die Klassische Musik weltweit zu kontrollieren, ihre Vorgehensweisen kennt und auch ihre Haltung gegenüber Idil Biret.
Erfreulicherweise aber sind all ihre Aufnahmen in ganz Deutschland erhältlich Dank des leistungsfähigen Vertriebes von Naxos.
Musikliebhaber können auch weiterhin zumindest die Studioaufnahmen von Idil Biret hören mit der Musik von Brahms, Beethoven, Schumann, Chopin, Rachmaninov, Boulez, Ligeti and anderen Komponisten sowohl auf CD als auch über den Deutschen Rundfunk, selbst dann, wenn man ihnen den Besuch eines ihrer Konzerte in Deutschland "verwehrt".

«Nachspiel»
Das Außergewöhnliche des Berichtes über die DDR und andere osteuropäische Länder vor 1990 war der fast gänzlich fehlende Einfluß der großen Plattenfirmen auf die Konzertagenten und Orchester. Somit konnten ohne weiteres lokale Karrieren in diesen Ländern gemacht werden und zwar auf der Basis reiner musikalischer Aufführungen und der darauf folgenden Publikumsreaktion und eben nicht mittels Rückenstärkung eines Plattenvertrages und den damit verbundenen Publikationen und Marketingaktivitäten, wie es bei den großen Plattenlabeln gesteuert wird.
Die Teilung der Welt in zwei Einflußbereiche hält die Musiktraditionen des 19. Jahrhunderts in Osteuropa bereits seit beinahe 50 Jahren aufrecht. Was auch immer für negative Aspekte vorgelegen haben mögen, sie erlaubten Biret eine Karriere in der DDR, der Sowjetunion und anderen Ländern zwischen 1960 und 1990 und zwar in der Art, wie Karrieren gemacht werden sollten: durch Qualität und die Kraft öffentlicher Aufführungen.
 
Kürzlich traf Mme Moguilevska (eine bedeutende russische Klavierpädagogin und die Mutter des Pianisten Eugene Moguilevsy, Gewinner des Königin Elisabeth Wettbewerbes in Belgien) Idil Biret erstmalig wieder nach über 30 Jahren. Sie umarmte Idil und sagte, "ich erinnere mich gut an Ihre Aufführung des d-moll Konzertes von Brahms in Odessa. Seitdem sind Sie immer die Größte für mich geblieben".
Solch eine Reputation hatte Biret dort (siehe den demnächst hier erscheinenden Artikel über Idil Biret's Zeit in der Sowjetunion).

© Sefik Yüksel
Brüssel, 15. Februar 2003
(übersetzt aus dem Englischen)




Für die kompletten Mitschnitte des Bartok Konzertes und der Rachmaninov Paganini Rhapsodie
besuchen Sie bitte  «Idil Biret music archives»


   

(zum Vergrößern der CD-Cover bitte auf das Bild klicken)




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